Bolivien, die Geschichte eines Landes von den Startschwierigkeiten bis zur Zerreißprobe
Wer bis vor zirka anderthalb Jahren in Mitteleuropa den Namen Bolivien hörte, dachte vermutlich erst einmal an das karge Hochland, an Hut tragende Indios im Poncho und Lamas und im Hintergrund ein strahlend blauer Himmel. Es kam ihm oder ihr vielleicht auch noch La Paz, der Regierungssitz – mit 3.600 Metern über dem Meer eine der höchstgelegenen Städte der Welt – in den Sinn. Hinter dieser Postkartenidylle offenbart sich dem interessierten Beobachter in den Medien immer mehr die äußerst vielschichtige geographische, historische und soziale Realität dieses lateinamerikanischen Landes.
Wenn man diese Realität verstehen will, kann man nicht außer Acht lassen, dass Bolivien in seiner heutigen Form – ungefähr drei Mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland – seinen Ursprung in der spanischen Kolonialgeschichte hat. Seine aktuellen Grenzen wurden im Laufe der Wirren, die den amerikanischen Subkontinent nach seiner Unabhängigkeit von der spanischen Krone Anfang des 19. Jahrhunderts erfasste, festgelegt. Diese Grenzen respektieren – wie wir gleich sehen werden – weder geographische Gegebenheiten noch die ursprünglichen Siedlungsgebiete der indigenen Völker.
Das eingangs erwähnte Hochland war vor der Ankunft der Spanier ein Teil des Imperiums der Inka, die bei der Unterwerfung anderer bereits dort lebender Völker und der Aufrechterhaltung der Ordnung innerhalb ihres Reiches auch nicht gerade zimperlich waren. Von dort kamen bis vor kurzem die Rohstoffe, die ins Ausland exportiert wurden, zunächst Silber, dann Salpeter – aus dem nicht nur Dünger sondern gemischt mit Kohle und Schwefel auch Schießpulver hergestellt wurde – und schließlich Zinn. Um dieses Hochland schmiegt sich halbmondförmig das Tiefland, das sich weit nach Osten ausdehnt und flächenmäßig den größeren Teil Boliviens ausmacht. Dieses Tiefland war lange Zeit nicht nur ein geographisches sondern auch ein wirtschaftliches Randgebiet Boliviens.
Im Hochland leben noch heute sehr viele Menschen indigener Herkunft, die mehr als 60% der Bevölkerung ausmachen und immer noch zum großen Teil Quechua und Aymara sprechen. Im Tiefland ist die Mehrheit der Bevölkerung europäischer Herkunft. Dort hat sich nur noch in Randgebieten das Guaraní, die Sprache der indigenen Urbevölkerung dieser Region, erhalten. Das Tiefland besteht hauptsächlich aus Flächen, die ideal für die Vieh- und Landwirtschaft sind sowie Sumpfgebieten und amazonischem Urwald.
Während der Kolonialzeit war das Hochland unter der Bezeichnung Alto Perú, das heißt Ober-Perú, bekannt und wurde von Lima aus von einem dort residierenden Vizekönig verwaltet. Das in Ober-Perú abgebaute Silber wurde zu einem immer wichtigeren Wirtschaftsfaktor. Es wurde zuerst ins Tiefland hinunter transportiert und dann auf dem Río de la Plata, dem Silberfluss, über den Atlantik nach Europa verschifft. Aufgrund dieser Silbertransporte wuchs zunächst einmal die wirtschaftliche und dann die politische Bedeutung von Buenos Aires, an der Mündung des Río de la Plata in den Atlantik. Schließlich wurde Ober-Perú mitsamt dem Tiefland von Perú abgetrennt und von Buenos Aires aus verwaltet. Von diesem Reichtum profitierten in erster Linie die spanischen Kolonialherren und in zweiter Linie die einheimische kreolische Elite, die Nachkommen der Eroberer, die sich dort angesiedelt hatten. Die Massen der Indios arbeiteten unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Minen oder als Leibeigene in der Landwirtschaft und gingen dabei weitgehend leer aus.
Anfang des 19. Jahrhunderts wurde – wie bereits erwähnt – auf dem amerikanischen Subkontinent die spanische Kolonialherrschaft abgeschüttelt. Maßgeblich beteiligt daran war die kreolische Elite, deren wirtschaftlicher Spielraum und Beteiligung an den politischen Entscheidungen stark von den Beamten der Metropole eingeschränkt wurde. Diese kreolischen Eliten bewunderten einerseits die Ideale der Aufklärung, waren aber andererseits auch sehr daran interessiert, ihre neu gewonnene Machtposition zu halten und auszubauen. Die Massen der Indios gingen dabei ein zweites Mal weitgehend leer aus und arbeiteten weiterhin unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Minen oder als leibeigene in der Landwirtschaft.
Bolivien verdankt seinen Namen übrigens Simón Bolívar, dem aus Venezuela stammenden, visionären Helden der Unabhängigkeit mehrerer südamerikanischen Republiken. Bolívar war auch der erste Präsident Boliviens. In dieser Funktion ließ er unter anderem auch Simón Rodríguez, seinen alten Lehrer, der nicht nur ein großartiger Pädagoge sondern auch ein Freigeist war, nach Bolivien kommen, um in Chuquisaca eine Modellschule zu errichten. Schüler aus allen Schichten des Volkes sollten die Möglichkeit haben, gemeinsam die Schule zu besuchen und abzuschließen. Das war den konservativen Teilen der kreolischen Elite ein Dorn im Auge. Unter der Führung des Präfekten von Chuquisaca wurde Rodríguez diffamiert, bis dieser von Sucre, dem Nachfolger Bolívars, abgesetzt wurde. Somit starb das Projekt eines egalitären Schulsystems.
Die Startschwierigkeiten der neu entstandenen, unabhängigen Republik, die sich im aufgeklärten und liberalen Geiste des 19. Jahrhunderts entwickeln sollte, gingen weiter und schienen nicht aufzuhören. In vielen Regionen Lateinamerikas haben sich die Indigenen immer mehr mit den Mestizen durchmischt, die mit den Kreolen die spanische Sprache und eine spanisch geprägte Kultur mit indigenen Einflüssen sowie die Gewohnheiten des täglichen Lebens teilen. So verlieren sie zwar ihre ursprüngliche, sprachliche und kulturelle Identität, integrieren sich aber in das kreolisch geprägte Leben der neu entstandenen Republiken und es entstehen ethnisch relativ homogene Gesellschaften. Obwohl es auch im bolivianischen Hochland Mestizen gibt, fand dort dieser Prozess allerdings nur in geringem Ausmaß statt. Daher bleiben dort die Massen der Indigenen, die immer noch die Mehrheit der Bevölkerung des Landes ausmachen, sprachlich, kulturell und politisch außerhalb der herrschenden Norm.
In den 60-er Jahren des 19. Jahrhunderts herrschte in Bolivien der exzentrische und nicht gerade zimperliche Diktator Malgarejo. Eine der zahlreichen Anekdoten, die über ihn berichtet werden, besagt, dass er bei offiziellen Empfängen seine Geliebte nackt auf den Tisch platzieren ließ. Ausländische Gäste und einheimische Honoratioren hatten ihr bei diesen Gelegenheiten zuzuprosten und ihr zu huldigen. Bis heute sichtbare Konsequenzen hat allerdings sein lockerer Umgang mit dem Staatsgebiet. So hat er 65.000 km² amazonischen Urwaldes an Brasilien und die Hälfte des damals noch bolivianischen Küstenstreifens am Pazifik an Chile verkauft. Dort – an der Pazifikküste wurde Salpeter – inzwischen Boliviens Exportartikel Nummer 1 – von chilenischen und britischen Gesellschaften gefördert. So begann die Amputation der bolivianischen Küste.
1884 – mehr als zehn Jahre nach dem Sturz Malgrejos – gewann Chile den so genannten Salpeterkrieg gegen Bolivien und Perú. Bolivien hat so endgültig den Zugang zum Meer verloren. Auch die wirtschaftlichen Konsequenzen waren für das Land ein Desaster. Das Salpetergeschäft war jetzt endgültig in den Händen der Chilenen und vor allem der Engländer, die durch den Vertrieb am meisten davon profitierten.
Für Bolivien war der Krieg allerdings schon 1880 zu Ende und es begann mit der Ernennung des Generals Narciso Campero zum Präsidenten der Republik eine relativ lange Epoche politischer Stabilität, die bis 1930 dauern sollte. Während dieser Zeit wechselten sich demokratisch gewählte Liberale und Konservative in der Herrschaft ab. Das heißt aber bei weitem nicht, dass alle Teile der bolivianischen Gesellschaft gleichermaßen daran beteiligt waren und davon profitierten. Indios wurden nach wie vor als Minenarbeiter ausgebeutet und als Kanonenfutter eingesetzt – wie zum Beispiel im Zuge des Konfliktes mit Brasilien um Acre, einer Region, in der Gummi gewonnen wurde und 1904 an Brasilien abgetreten werden musste.
Simón Patiño – ein vorausschauender Emporkömmling aus einfachen Verhältnissen – entdeckte um die Wende zum 20. Jahrhundert das Zinngeschäft – das bald einmal das Silber als wichtigste Devisenquelle ablösen sollte – und begründete mit seinem wachsenden Reichtum die wirtschaftliche, soziale und schließlich auch politische Macht der so genannten Zinnbarone.
1930 kam es im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise zu immer tieferen Zinnpreisen, was für Bolivien wieder einmal verheerende Folgen hatte. Die Zinnbarone finanzierten einen Staatsstreich bei dem Präsident Hernando Siles abgesetzt wurde. Das aufgehetzte Volk durfte dann noch den Präsidentenpalast stürmen und alles, was nicht niet- und nagelfest war, mitlaufen lassen.
Wenig später – von 1932 bis 1935 – verwickelte sich Bolivien in einen Krieg mit dem Nachbarn Paraguay, den so genannten Chacokrieg. Dabei ging es um eine große, graue Einöde, um die sich bis anhin niemand gekümmert hatte, bis dort Erdöl vermutet wurde und zwei multinationale Ölfirmen sich dafür interessiert hatten. Die US-amerikanische Standard Oil schickte Bolivien in den Krieg und die British Petroleum Paraguay. Nach dem Krieg, der von beiden Seiten mit großer Verbissenheit geführt wurde, kam es schließlich zu einem Waffenstillstand. Dabei spielten sich ergreifende Verbrüderungsszenen ab: Bolivianer und Paraguayer fallen sich gegenseitig in die Arme, schreien und lachen, weinen und singen.
Nach dem Chacokrieg entstand der von Víctor Paz Estenssoro gegründete MNR (Movimiento Nacionalista Revolucionario), der zunächt von Intellektuellen aus der dünnen Mittelschicht getragen wurde, bis sich ihm auch die Gewerkschaften der Minenarbeiter anschlossen. Der MNR löst bald die Revolution von 1952 – ein Meilenstein in der Geschichte Boliviens – aus. Die Zinnminen wurden verstaatlicht. Im Rahmen einer umfassenden Agrarreform wurden dann die Latifundien und die Leibeigenschaft abgeschafft und die indigene Bevölkerung erhielt zum ersten Mal in der Geschichte des Landes das volle Bürgerrecht mit aktivem und passivem Wahlrecht. Alles Errungenschaften, die aus heutiger, mitteleuropäischer Sicht nicht besonders revolutionär anmuten. Trotzdem blieben die Indigenen de facto weiterhin weitgehend vom politischen Leben des Landes ausgeschlossen. Im Jahre 1964 – nach der dritten Wiederwahl von Víctor Paz Estenssoro – kam es zu einem Staatsstreich unter der Führung des Generals René Barrientos. Von nun an folgte eine Regierung auf die andre, meist in Form einer Militärdiktatur. Ende der 70-er Jahre war es Domitila, einer Minenarbeiterin indigener Herkunft und politischen Aktivistin, zusammen mit vier weiteren Frauen und einem spanischen Priester gelungen, den Sturz der Militärdiktatur, die gerade am Ruder war, auszulösen. Sie traten in einen Hungerstreik, dem sich immer mehr Leute anschlossen. Zuerst Hunderte, dann Tausende. Im Zusammenhang mit dieser erst passiven Protestwelle haben auch immer mehr Leute die Arbeit niedergelegt. Schließlich nahm das Volk von der Straße Besitz und die Militärdiktatur wurde gestürzt. Doch darauf folgt keine bleibende, stabile Demokratie sondern wieder ein Putsch nach dem anderen.
Zu Beginn der 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts kam es in Bolivien infolge des sinkenden Zinnpreises auf dem Weltmarkt und der schlechten Verwaltung seitens der Militärs zu einer starken Verschuldung und großen Inflation. Der illegale Kokainexport war inzwischen zur wichtigsten Devisenquelle geworden. Um die Wahl von Hernán Siles Zuazo als demokratischem Präsidenten zu verhindern kam es 1980 zum 189. Staatsstreich in den letzten 150 Jahren. Der General Luís García Meza will im Land die freie Marktwirtschaft wieder einführen und das „Krebsgeschwür des Marxismus“ ausrotten. Dieser Putsch wurde von den so genannten Kokainbaronen, die sich dadurch mehr Spielraum für ihre Geschäfte erhofften, unterstützt.
Wenig später – 1982 – wurde die letzte Militärdiktatur aufgelöst und es kam wieder zu Wahlen. Es gewann Hernán Siles Zuazo, dessen Vater Hernando Siles zusammen mit Víctor Paz Estenssoro den MNR gegründet hatte. Dies ist der Beginn einer bis heute andauernden demokratischen Periode, die allerdings – wie wir noch sehen werden – nicht frei ist von Turbulenzen.
Unter solchen Verhältnissen konnte in Bolivien weder im Laufe des 19. noch der ersten drei Viertel des 20. Jahrhunderts eine breite und solide Mittelschicht als Trägerin einer gut funktionierenden und stabilen Demokratie entstehen.
Nachdem aufgrund massiven Drucks seitens der USA auch Koka als Devisenquelle nicht mehr aktuell ist, ist – wie durch ein Wunder – ein neuer Rohstoff aufgetaucht. Diesmal im Tiefland. Es handelt sich dabei um Erdgas, das von multinationalen Firmen abgebaut wird. Diese Firmen sind aber nicht die einzigen, die vom Geschäft mit dem Erdgas profitieren. Im Tiefland hat sich in den letzten zwanzig Jahren im Rahmen eines neoliberalen Wirtschaftssystems eine moderne Land- und Viehwirtschaft sowie eine wachsende Industrie und ein relativ wohlhabendes Bürgertum entwickelt. Hier scheint in diesem Zusammenhang so etwas wie ein breiterer Mittelstand heranzuwachsen. Nicht nur die Elite im Tiefland fühlte sich inzwischen von der Zentralregierung im Hochland bevormundet, sondern auch immer größere Kreise der Bevölkerung. Es wächst daher auch der Ruf nach regionaler Autonomie. Im Hochland allerdings, ist man nicht begeistert. Dort wird argumentiert, dass auch die Bodenschätze des Tieflandes der Besitz aller Bolivianer und dass das ehemals arme Tiefland bis vor kurzem vom Hochland subventioniert worden sei. Vor allem ärmere Schichten der Bevölkerung befürchten, dass ihnen – nachdem sie im Laufe der Geschichte Boliviens schon beim Abbau des Silbers, Salpeters und Zinns ziemlich leer ausgegangen sind – nun auch noch ihr Anteil am Gewinn des Erdgases entgeht.
Als dann 2002 der damalige Präsident Quiroga für den Export die Gasleitung zum Pazifik über chilenisches Territorium legen lassen wollte, war für viele Bolivianer das Maß voll. Es kommt zu einer Krise, die in Anlehnung an den Salpeterkrieg – aufgrund dessen Bolivien seinen Zugang zum Pazifik an Chile verloren hatte – Gaskrieg genannt wird.
Der Nachfolger von Quiroga, Gonzalo Sánchez de Lozada, der ohne absolute Mehrheit gewählt wurde, konnte die Krise auch nicht in den Griff bekommen. Er ist übrigens in den USA aufgewachsen und spricht Spanisch mit einem deutlichen US-amerikanischen Akzent, was nicht nur für Heiterkeit gesorgt hat. Mit seiner Privatisierungspolitik hat er sich bei großen Teilen der Bevölkerung sehr unbeliebt gemacht. Als sein größter politischer Fehler gilt die Privatisierung der YPFB (Yacimientos Petrolíferos Fiscales Bolivianos) – des staatlichen Unternehmens, das für den Abbau des Erdöls und dessen Nebenprodukten verantwortlich ist.
Gonzalo Sánchez de Lozada musste schließlich das Land verlassen. Daraufhin folgte ihm sein Vizepräsident Carlos Mesa im Amt. Dieser hielt sein Versprechen, die Privatisierungen seines Vorgängers rückgängig zu machen, nicht ein. Aufgrund des starken Drucks seitens der Bevölkerung erklärte Mesa am 6. Juni 2005 seinen Rücktritt und im Dezember des gleichen Jahres kam es zu Neuwahlen. Der Wahlkampf ist von einem Grundtenor gekennzeichnet, der in dieser zugespitzten Form nicht nur einzigartig sondern auch erstmalig war: Die Interessen der Indigenen und Armen gegen die der Weißen und Reichen auf der einen Seite. Die Interessen des Hochlandes gegen die des Tieflandes auf der anderen Seite. Es gewinnt Evo Morales, der erste indigene Präsident Boliviens. Inzwischen ist es auch außerhalb des Landes klar, dass in Bolivien die Indigenen eine ernst zu nehmende politische Kraft bilden. Die Probleme des Landes, das immer noch vor einer regionalen und sozialen Zerreißprobe steht, sind allerdings damit noch nicht gelöst. Was die Zukunft Bolivien bringen wird, entscheidet sich in diesen Stunden und kann tagtäglich in den bolivianischen und internationalen Medien verfolgt werden.