Die arabische Kalligraphie im Vergleich und Gegensatz zur bildenden Kunst im Abendland

Wenn wir durch die Straßen andalusischer Städte schlendern und uns die verschiedenen Sehenswürdigkeiten genauer anschauen, fällt uns schnell einmal ein Kontrast auf, den wir in dieser Form anderswo lange suchen können. Auf der einen Seite stehen arabisch-islamisch geprägte Bauten, wie die Moschee von Córdoba oder die Alhambra von Granada und auf der anderen Seite die Kathedrale von Sevilla, um nur einmal die repräsentativsten Beispiele zu nennen. Für den Laien liegt der markanteste Unterschied sicher nicht in der Verschiedenheit architektonischer Formen sondern in den so genannten dekorativen Elementen. Was uns nämlich – um bei der Moschee von Córdoba oder der Alhambra von Granada zu bleiben – auffällt, ist die Abwesenheit bildlicher Darstellung. Dafür springen uns sofort die äußerst geschmackvoll angeordneten geometrischen Muster und bei genauerem Hinsehen vor allem auch die kunstvoll in Stein gehauenen arabischen Kalligraphien ins Auge. Man hat den Eindruck, dass es keinen größeren Kontrast geben könnte zum Überfluss bildlicher Darstellungen in vorreformatorischen christlichen Kirchen. Uns drängt sich nun die Frage auf, welche weltanschaulichen oder gar religiösen Ideen hinter diesem Unterschied stehen. Wir denken dabei unwillkürlich an das so genannte Bilderverbot, das es im Islam ja angeblich geben soll. Der Koran – das heilige Buch des Islam und für den gläubigen Moslem das Wort Gottes – propagiert wie das Alte Testament einen Monotheismus, dessen Gott nicht bildlich dargestellt werden darf. Allerdings enthält der Koran kein ausdrückliches Bilderverbot und erst in den später zusammengetragenen, dem Propheten Mohammed zugeschriebenen Taten und Worten – den so genannten Hadithen – ist die Bilderfrage ein Thema. Dort steht, dass wo sich Bilder mit Lebensodem bewohnter Wesen befinden, nicht gebetet werden darf. Aus diesem Grund finden wir bis heute in der ganzen islamischen Welt in einem religiösen Kontext, sei es in einer Moschee, auf einem Koran-Exemplar oder einem sonstigen Buch, das den Islam zum Thema hat, keine Bilder von Menschen oder Tieren. Dies gilt nicht für einen Kontext außerhalb der Religion, wie zum Beispiel in der Dekoration von profanen Bauwerken oder in der Illustration von nicht-religiösen Büchern. Man denke dabei an die im 8. Jh. nach Chr. von den Omayyaden in Syrien und in Jordanien erbauten Wüstenschlösser, die nicht nur zwei- sondern sogar dreidimensionale Darstellungen menschlicher und tierischer Wesen schmücken oder an die im Westen weit bekanntere persische Miniaturmalerei. Allerdings blieb die bildende Kunst gerade wegen ihrer Abwesenheit im religiösen Bereich zweitrangig und machte so auch nicht eine mit der abendländischen vergleichbare Entwicklung zusammen mit ihren Höhen durch. Dafür erreichte aber im arabisch-islamischen Raum die Schreibkunst ein künstlerisches und ästhetisches Niveau, mit dem keine Form der abendländischen Kalligraphie ernsthaft mithalten könnte.

Die arabische Schrift ist übrigens trotz ihrer dekorativen und verspielten Erscheinung weder eine Bilderschrift noch eine Anhäufung geheimnisvoller Hieroglyphen, die sich kaum entschlüsseln lassen, sondern ein Alphabet, das wie das lateinische und griechische von der phönizischen Schrift abstammt. Es wird wie das hebräische Alphabet von rechts nach links geschrieben. Im Gegensatz zur babylonischen Keilschrift oder der chinesischen Bilderschrift ist das arabische Alphabet also mit einem nicht allzu großen Aufwand auch für jemanden, der das lateinische Alphabet benutzt, erlernbar.

Nun stellt sich uns die Frage, warum neben den geometrischen Ornamenten die Kalligraphie in der islamischen Kunst eine so wichtige Rolle spielt. Der Islam ist nämlich die Religion des Buches und der Schrift par excellence. Schon in der Frühzeit des Islam war es sehr wichtig, den koranischen Text in dem sich – nach islamischer Lehre – Gott offenbart, möglichst korrekt aber auch möglichst schön, sei es nun auf Stein oder Papier, zu schreiben. Der Schriftzug sollte nicht nur dem sinngemäßen Inhalt sondern auch der Schönheit Gottes gerecht werden. Der Koran als heiliges Buch des Islam war und ist bis heute die nicht versiegende Quelle der islamischen Spiritualität sowie die Quelle, aus der die islamischen Literaturen und Künste schöpfen.

Ursprünglich ist also – wie wir das beim Besuch der Moschee von Córdoba oder der Alhambra von Granada gesehen haben – die arabische eine islamische Kalligraphie. Sie wird auch heute noch in einem islamischen, religiösen Kontext gebraucht. Allerdings nicht ausschließlich. Wenn wir zum Beispiel in ein arabisches Land reisen, sehen wir, dass diese Kalligraphie auch für kommerzielle Werbezwecke, als Titel von Büchern und auch auf künstlerischen Plakaten und Karten mit altarabischen Sprichwörtern aus der Zeit vor dem Islam oder mit platonischen Sentenzen – um nur ein paar Beispiele zu nennen – auf zum Teil sehr kreative Art und Weise verwendet wird. Wir müssen also heute – trotz des religiös geprägten Ursprungs – zwischen einer islamischen und einer arabischen Kalligraphie unterscheiden.

Eine Parallele zur Geschichte der islamischen und arabischen Kalligraphie – allerdings mit anderen Vorzeichen – finden wir in der abendländischen Malerei. Wenn wir nun zurückgehen zu den bildlichen Darstellungen in der Kathedrale oder anderen, kleineren Kirchen in Sevilla – seien es nun zweidimensionale Darstellungen oder Skulpturen – drängt sich uns die Frage auf, wie so etwas im Gegensatz zum Islam im Christentum, das ja auch eine monotheistische Religion ist, in dem es ein Gebot gibt, das die bildliche Darstellung Gottes verbietet, möglich war.

Ähnlich wie im Islam gab es aus diesem Grund auch im frühen Christentum eine Strömung, die sich gegen die Verwendung bildlicher Darstellungen im religiösen Bereich wandte. Diese so genannten Ikonoklasten – die Bilderstürmer – stützten sich dabei auf das zweite Gebot des Dekalogs, das ja ausdrücklich verbietet, sich von Gott ein Bild zu machen. Im Gegensatz zur Entwicklung im Islam setzten sich im Christentum die so genannten Ikonodulen – die Bilderverehrer – durch. Sie stützten sich dabei auf die Idee, dass Gott in Christus Mensch geworden ist und durch die bildliche Darstellung von Christus und den Heiligen nicht Gott sondern die vergottete Schöpfung dargestellt wird. Daraufhin entstanden in kontinuierlicher Entwicklung die noch anonymen Kunstwerke byzantinischer und romanischer sowie später gotischer Malerei und Skulptur. In dieser Zeit, in der ein theozentrisches Weltbild herrschte, wurden hauptsächlich Christus, Heilige und biblische Gestalten dargestellt. Erst in der Renaissance, in der dieses theozentrische Weltbild sukzessive von einem anthropozentrischen abgelöst wurde, hielten die bildenden Künste so richtig in den profanen, nicht religiösen Bereich Einzug. Es wurden nun in Anlehnung an Vorbilder aus der klassischen Antike vermehrt mythologische Figuren dargestellt und eben auch der Mensch aus Fleisch und Blut, der ein Fürst sein konnte aber auch ein anonymer Zeitgenosse wie zum Beispiel die heute weltbekannte Mona Lisa. In der Renaissance wurde also der Grundstein der Entwicklung der zeitgenössischen abendländischen profanen Kunst gelegt.

Wer nun nach diesen Betrachtungen als an Schrift interessierter Mensch mit gewissen ästhetischen und künstlerischen Ambitionen, es einmal mit der arabischen Kalligraphie versuchen möchte, wird sehen, dass es sich dabei um eine sehr meditative Disziplin handelt. Mit ein bisschen Übung und äußerst einfachen Hilfsmitteln – nämlich Papier, Tinte und einer Feder – kann man – mit etwas Geschick – bald einmal selber wunderschöne Kunstwerke machen. Um diese Kunst zu lernen, muss man übrigens nicht unbedingt nach Kairo oder Istanbul – den heutigen Zentren der arabisch-islamischen Kalligraphie – gehen. Die Grundlagen kann man nämlich auch in Zürich bei Daniel Reichenbach erlernen. Er ist, obwohl weder ein Araber noch Moslem, ein Meister dieser Kunst, die er unter anderem in Kairo bei Munir al Shaarani – einer der Koriphäen auf dem Gebiet – gelernt hat.